Diagnose MS - Wie ich meine Hoffnung wiederfand von Barbara Zaruba

mit freundlicher Genehmigung von Barbara Zaruba und ihrem Verlag

Die Tage bekam ich von Barbara Zaruba ihr o.g. Buch zugesandt und auch die Erlaubnis, daraus zu zitieren. Also habe ich mich mit orangen Post-it-Stickern hingesetzt, das Buch gelesen und Stellen markiert, die ich übernehmen möchte. Nun hat das Buch einen ganzen "Schopf" von diesen Stickern und letztlich kann ich nur empfehlen, es selber zu lesen, denn ich müsste es fast in der Gänze abtippen. Die Feststellungen, die Barbara über die Jahre in Bezug auf die psychologische Struktur von MS-Patienten gemacht hat, kann ich für mich selber und im Kennenlernen vieler MS-Patienten bestätigen. Ich denke, dass ich in meiner Kindheit gelernt habe, im speziellen Wut und Trauer zu unterdrücken. Und nicht nur zu unterdrücken, sondern in der Tat gar nicht mehr wahrzunehmen und dabei wirklich zu glauben, dass man nicht traurig oder wütend ist. Auch der sich immer wiederholende Begriff des "nicht lieb seins" und "nicht nett seins" ist mir nicht fremd. Es ist schon fast gruselig. Dennoch fand ich das Buch auch recht unterhaltsam zu lesen. Der Weg zur inneren Gesundung wäre auf der einen Seite so leicht (weil alles einleuchtet und wenn ich diese Dinge selber mache, kann ich sie ja auch selber an mir ändern) und ist auf der anderen Seite so schwer (weil man an Dinge hin muss, die man schon sehr lange unterdrückt und nicht wahrnimmt, weil das Herangehen und Hinschauen sehr schmerzhaft wird). Aber wie auch im Qi Gong, muss man durch schmerzhafte Gefühle hindurch (bzw. hier auch körperliche Erstverschlechterungen), um etwas ganz auszuheilen. Ich zitiere nun wild herausgenommene Sätze und Absätze aus dem Buch und bitte zu beachten, dass sie dadurch manchmal aus dem Zusammenhang genommen werden.

"Ich nahm die Hände aus dem Spülbecken und stand regungslos. Buchstäblich wie der bekannte Blitz aus heiterem Himmel war mir eine Erkenntnis durch den Kopf geschossen, nach der ich so viele Jahre verzweifelt gesucht hatte, und sie stellte von dieser Sekunde an mein Leben auf den Kopf. In einem einzigen Augenblick war mir klargeworden, was ich ändern würde, um gesund zu werden. Ich war mir so sicher, daß ich mich verwundert fragte: Um das zu begreifen, hast du tatsächlich über zwanzig Jahre gebraucht?

Inhalt Teil I: Alles halb so schlimm wäre gelogen, Er(n)ste Verwarnung, Die Ruhe vor dem Sturm, Der Absturz ins Bodenlose, Warum gerade ich?, Therapieerfahrungen, Jahre im festen Griff der Krankheit, Die Wende am Spülbecken
Inhalt Teil II: Gefühle unter der Tarnkappe, Die Chance zur Erkenntnis, Die Ahnengalerie, Verdrängte Gefühle, Schuldgefühle und kein Ende, Erstarrte Denkmuster, Frauen und ihr Selbstwertgefühl, Verantwortung für das eigene Leben, Erste Hilfe gegen den "Terror im Kopf", Wie leben mit der Angst?, Das neuentdeckte Ich, Schlußakkord, Anhang mit Fragebogen

S. 58: In mein inneres Chaos hinein, in dem ich oft nicht einmal wußte, wo unten oder oben, ob ich Männlein oder Weiblein war, trat dann meine allererste esoterische Lebensberaterin, gesund, munter und völlig mit sich und der Welt im reinen, mit dem Vorschlag an mich heran, daß ich beginnen müsse, mich zu lieben. Ebensogut hätte sie mir vorschlagen können, ein Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle zu malen, es wäre mir sicher leichter gefallen. Um mich zu lieben fehlte mir zu der Zeit wirklich jedes Instrumentarium, überhaupt nichts konnte ich mit diesem Rat anfangen. Warum sollte ich mich in einer solchen Situation denn lieben, wofür? ... Sollte ich die kostbare Zeit, die mir noch blieb, dadurch "verplempern", daß ich mich bemühte, mich zu lieben?

S. 62: Wirklich hilfreich ist in dieser Zeit mein Hausarzt gewesen, weil er mir gleich zu Beginn der Erkrankung den Kontakt zu einer Therapeutin vermittelt hatte, die mir durch ihre liebevolle Art und ihr großes Verständnis sehr helfen konnte. Konsequenter in diese Richtung zu gehen, in der ich dann schließlich doch noch landete und auch "ankam", wäre das Richtige gewesen, aber hinterher ist man ja immer klüger.

S. 88: Wenn ich annahm, daß meine Krankheit psychosomatisch bedingt war, dann war es eben meine psychische Verfassung, die sie ausgelöst hatte und nicht die böse Tat eines anderen Menschen (Opferrolle ade!). Dann konnte ich weder Vater noch Mutter noch Bruder, Ehemann oder Freund dafür verantwortlich machen, was ich ganz unbewußt wohl lange Zeit in unterschiedlicher Abstufung immer mal wieder gemacht hatte. Ich mußte bereit sein, selbst die volle Verantwortung für meine Krankheit zu übernehmen, wenn ich etwas ändern wollte.

S. 91 "Die Wende am Spülbecken": ... Ich beendete in dieser Sekunde vor dem Spülbecken den erbarmungslosen Krieg, den ich gegen mich geführt hatte, mit unendlicher Leichtigkeit. Mir war auf einmal klargeworden, daß es an mir lag, einzig und allein an mir. Plötzlich antwortete ich mir auf die so oft und so hilflos gestellte Frage, warum ich mir und meinen Gefühlen nicht trauen kann, weshalb ich mich ständig kontrollieren, kritisieren, quälen und meine Motive hundertmal hinterfragen muß, kurzum, weshalb ich mich nicht lieben kann: Wer auf dieser Welt, wenn nicht ich, soll entscheiden, daß ich mich lieben darf? Ich entschied mich ganz einfach. Und wirklich alles war anders.

S. 98: Wie das Christentum auf den Zehn Geboten basiert, beruht die Huna-Philosphie auf 7 mir einleuchtenden Grundprinzipien, deren erstes lautet: Die Welt ist, wofür man sie hält. Dieser eine Satz schon hat ein ganzes Scheunentor für mich aufgestoßen. Ich hielt die Welt als Kind für einen liebevollen und beschützenden Ort. Später als Jugendliche und auch als junge Frau dachte ich, daß man, wenn man auf der Hut war, mit einiger Diplomatie und Vorsicht hier gut durchkommen konnte, und seitdem ich krank war, hielt ich sie für kalt, für feindlich und gefährlich, für einen Ort, an dem ich unglaublich viele Fehler machen konnte. Und - die Welt war immer genau das, wofür ich sie hielt. Erst liebevoll, dann nicht ganz ungefährlich, dann kalt und feindlich! Jetzt glaube ich, daß hier alles möglich ist, was ich mir gedanklich vorstellen kann, ich halte die Welt für einen Ort, an dem keine Krankheit, auch MS nicht, unheilbar sein muß. Auf diesem Hintergrund begriff ich, wie destruktiv ich seit vielen Jahren dabei war, meine Welt immer wieder aufs neue völlig identisch zu erschaffen mit meinen Gedanken, die sich ausschließlich um Krankheit, Siechtum, Einsamkeit drehten. Und ich begriff, daß dies die Ursache war, daß sich manche Lebensläufe so geradlinig in eine unangenehme Richtung entwickelten. Vor mindestens zwanzig Jahren, als ich verzweifelt versuchte, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, hatte ich einmal in einem Buch über fernöstliche Weltanschauungen eine Abbildung gesehen, auf der ein Drachenmaul Bilder ausspie, und es stand dabei, daß wir - wie dieser Drache - unser eigenes Leben in jedem Augenblick selbst hervorbringen. Damals war mir dieser Gedanke völlig unbegreiflich, ja er schien mir geradezu dumm!

S. 106: Frage also: Lieben Sie sich? Seit ich diese Frage mit ja beantworten kann, lebe ich in Frieden mit mir. Ich bin nicht perfekt, was soll´s, andere sind es doch auch nicht. Und wenn sie es wären, ich liebe mich so, wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten, die ich mehr und mehr an mir entdecke und begrüße. Ich will gar nicht mehr pflegeleicht sein, weil es mir einfach zu einfach ist! Das Leben hat mich wieder, ich will mich mutig von ihm herausfordern lassen, ich will nicht mehr allein mit mir und meinen Ängsten daneben stehen. Es passiert mir natürlich trotzdem hin und wieder, daß ich hart und unerbittlich einen "Fehler" an mir konstatiere, mich völlig konfus um ihn drehe und zurückfalle in alte Verhaltensweisen. Aber was soll´s, ich bin halt auch nur ein Mensch!

S. 125: Ich denke, daß ich schon als Kind damit begonnen habe, Impulse, die nicht willkommen waren, zu unterdrücken.

S. 131: MS beginnt immer damit, daß man "negative" Gefühle verdrängt, das steht für mich heute fest. Weshalb man sie nicht haben will bzw. darf, ist sicher unterschiedlich. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Man geht diesen Emotionen aus dem Weg, will nichts mit ihnen zu tun haben, weil hinter ihnen ganz massive Ängste stehen. ... Der Umgang mit unseren negativen Gefühlen, hinter denen also Ängste stehen, ist schwer für uns, deshalb idealisieren wir alles Harmonische, verteufeln die negativen Erfahrungen, schieben sie so weit weg wie möglich - und werden sie doch nicht los damit. Im Gegenteil, sie setzen sich an einer völlig anderen Stelle fest, an der sie noch viel quälender werden können, sie werden zu Schuldgefühlen. All diejenigen, die ich kennengelernt habe in meiner langen MS-Karriere, waren aus unterschiedlichen Gründen unfähig, Gefühle wie Zorn, Ärger und Wut in ihren Höhen und Tiefen realistisch wahrzunehmen, diese Gefühle im Raum stehen zu lassen, sie auszuhalten, sie angemessen auszudrücken, dann zu ihnen zu stehen und ihnen gemäß zu agieren. Dabei sind das sehr mächtige Energien, die Blockaden auslösen können. Wut, Ärger und Zorn sind positive Gefühle für MS-Patienten. Sie zu spüren bedeutet, lebendig zu sein, sie auszuhalten und auch auszudrücken lernen bringt Beweglichkeit zurück.

(An dieser Stelle möchte ich mal berichten, was es für mich bedeutet(e) mit meinem Freund und seinen beiden Söhnen zusammenzuleben. Hier habe ich gelernt, zu schreien, wütend zu sein ohne schlechtes Gewissen! Die Jungs haben mich belogen, verarscht, geschädigt (meine Sachen zerstört oder genommen) ohne Ende. Immer wieder habe ich buddhistischen Herzens umeinander gesäuselt und eines Tages hat es einen Schlag getan - im wahrsten Sinne des Wortes. Nach Wochen des Schlafentzuges durch nächtliche Besuche war ich dermaßen entnervt, dass ich um halb vier Uhr morgens schweinewütend gegen die Zimmertür geschlagen und sie aus dem Rahmen gebrochen habe (die muss aber wirklich vorher schon irgendwie morsch gewesen sein...). Ich kannte mich echt selber nicht mehr. Zittrig bin ich wieder ins Bett, musste dann aber über mich selber lachen und war auch stolz - dass ich das jetzt überhaupt kann. Fortan sehe ich es nurmehr als sportliche Aufgabe, mich durchzusetzen. Ich lasse mir jetzt nichts mehr gefallen! Der Dahlke schreibt ja auch, dass MSis nicht durchsetzungsfähig sind. Es gibt keine Abkürzung zur Sanftmut - meinem Endziel. In diesem Falle muss man das Durchsetzen erst in seiner ganzen Größe lernen)

S. 135: Diesen Ärger, den ich nicht spontan ausdrücken kann, der sich bei mir einnistet, wendet sich gegen mich. Er konserviert sich über Jahre hinweg. Vor kurzer Zeit noch ist mir - es ist mir fast peinlich, das hier zu schreiben - jeder Ärger aus meinen Beziehungen im Gedächtnis gewesen, den ich nicht geäußert habe. Ich habe über die Jahre hinweg nichts davon vergessen, der Ärger nagte, richtete sich immer wieder gegen mich, zog meine Gedanken in die Vergangenheit. Längst war ich geschieden, ich hatte überhaupt keine Gelegenheit mehr, ihn dort abzuladen, wo er eigentlich hingehört hätte. Der Klügere gibt nach ... Ich fühlte mich gut, wenn ich mich klüger wähnte als die anderen... Aber krank gemacht hat es mich auch. Nein. Ich bin nicht so friedlich, nicht so sanft wie ich mich früher gab. Ich bin zwar harmoniebedürftig und habe es viel lieber, wenn ich ohne Streit leben kann, aufgrund meines Wesens ebenso wie wegen meiner fast panischen Angst vor Auseinandersetzungen. Aaaaber... Meiner Selbsterkenntnis war das über Jahre hinweg nicht dienlich. Viele Menschen und auch mich habe ich um etwas ganz Entscheidendes betrogen: um eine ehrliche Auseinandersetzung. Autoaggression, ich kann es gar nicht oft genug schreiben, ist von mir selbst gegen mich selbst gerichtete Wut, es ist der unglaubliche Zorn, es ist der kleine Ärger, eben die ganze Palette der Gefühle, von denen ich immer glaubte, daß ich sie anderen ersparen muß. Den Ausdruck lähmende Stille hat wohl jeder schon einmal gehört: Je stiller ich nach außen hin wurde im Verlauf meiner Krankheit, desto autoaggressiver wurde ich im Umgang mit mir.

S. 177 "Tortenbild": Verhaltensweisen bei MS, der Größe der Tortenstücke (mit dem größten beginnend) nach: verdrängte Gefühle (Zorn, Wut, Enttäuschung, Ärger), Perfektionsanspruch, Schuldgefühle, Ängste, Rigidität (Die individuelle Aufteilung ist sicher unterschiedlich, so unterschiedlich wie der Verlauf der Krankheit.)

S. 196: ... Ich habe ihr angesehen, daß sie innerlich gekocht hat, wie gern sie einfach eingehängt hätte, weil es ihr zuviel wurde - sie hat es nicht getan. An ihrem Beispiel sah ich es wieder: Es sind nicht die großen Dinge im Leben, die uns krank machen, es sind die vielen kleinen, um des lieben Friedens willen hinuntergeschluckten Einwände, die unzähligen verpaßten Gelegenheiten, das "Bussi, Bussi", statt den Hörer auf die Gaben zu werfen, die vielen nicht gelebten Impulse. Wo ist ihr Zorn geblieben, wenn sie sich verhielt wie es von einem braven Töchterchen erwartet wurde?

S. 197: Mit dem Ausziehen ist es natürlich auch für diese junge Frau nicht getan, ebensowenig wie für mich die Lösung des Grundproblems war, meine jeweiligen Männer zu verlassen. Wo immer ich hingegangen bin, ich habe nur mich dort getroffen, wie der Hase war ich immer schon da. Wirklich eigenständig zu werden wäre die Lösung, aber meist bekommt man das allein nicht mehr hin.

S. 199: Angenommen es gäbe ein Mittel gegen MS. Davon wird jedoch dieser entsetzliche Kleinkrieg gegen sich selbst nicht zu beenden sein. Genauso wie eine Kopfschmerztablette nichts helfen würde, solange man sich mit einem Vorschlaghammer gegen den Kopf schlägt, so wird die Autoaggression nicht aufhören, wenn man Pillen dagegen schluckt. Diese Veränderung muß von innen kommen, und damit kann jeder auf der Stelle anfangen. Das Mittel dagegen haben wir in uns, Veränderungen, die von außen einwirken, wenn es dieses Mittel einmal geben sollte, beseitigen allerhöchstens das Symptom.

S. 225: Meine Seele soll soviel Freude mit mir haben, daß meinem Körper nichts anderes übrigbleiben wird, als nachzuziehen! Und sollte es bis dahin noch einige Zeit dauern, dann werde ich diese nutzen, um mich seelisch noch weiter zu stabilisieren, denn der Körper zeigt nicht nur meine seelischen Defizite, er wird auch zeigen, wenn ich nicht mehr starr und unbeweglich an uralten Mustern und Denkweisen klebe, die schon früher verkehrt waren und allein dadurch ihre Berechtigung längst verloren haben.

S. 227: Ich definiere mich nicht mehr über andere, nehme mich und meine Gefühle ernst, lebe im Einklang mit mir selbst und halte es ansonsten mit dem Autor des "Kleinen Prinzen", Antoine de Saint-Exupery, der gesagt hat: "Die Welt, die in mir lebt, ist größer als die Welt, in der ich lebe".

Es folgen noch ein Fragebogen und einige Fallbeispiele, die für die Erforschung der seelischen Strukturen auch sehr hilfreich sind.

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