Biofeedback - die Heilkraft der Gedanken, Artikel aus MS Life & News Herbst/Winter 2005

Schmerzen und andere Beschwerden wegdenken
Stress, Verkrampfungen, Schmerzen. Wenn der Körper Dinge tut, die das Leben zur Qual machen, dann wäre es doch einmal sinnvoll, den Blick nach innen zu wenden und einige Vorgänge endlich selbst in die Hand zu nehmen. Zunächst beobachtet man neugierig die Aktivitäten im eigenen Nervensystem, sieht, was sich unter der Schädeldecke und im Körper abspielt, ob man entspannt oder gestresst ist, um dann nach und nach Einfluss darauf zu nehmen. Körperwahrnehmung, Kontrolle und Selbstheilung.
Körpersignale entdecken und verändern
Was sich für viele wie esoterischer Hokuspokus anhören mag, hat in der Fachwelt schon längst einen guten Namen: Biofeedback, "ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren, mit dem unbewusst ablaufende psycho-physiologische Prozesse wahrnehmbar gemacht werden." So jedenfalls die Definition der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback (DGBfb). Oder einfach ausgedrückt: ein Lernprozess, bei dem man bequem im Sessel sitzt und mit Hilfe eines Biofeedback-Gerätes trainiert, die Kontrolle über den eigenen Körper zu gewinnen und Vorgänge, die in ihm ablaufen bewusst und willentlich zu beeinflussen. Dabei ist ein hohes Maß an Konzentration erforderlich.
Heilübungen mit der Kraft der Gedanken? Dass Biofeedback funktioniert, wird längst nicht mehr bestritten. Für Prof. Winfried Rief vom DGBfb in Marburg ist es "nichts anderes, als wenn jemand seinen Armmuskel anspannt, um die Hand zu heben." Nur eben mit dem Unterschied, dass der gezielte Einsatz der Geisteskraft zur Manipulation verborgener Funktionen bislang kein fester Bestandteil unseres Verhaltensspektrums ist. Er muss erst erlernt werden.
Schmerz und Stress werden sichtbar
Zunächst gilt es, unbewusst ablaufende Vorgänge wie Blutdruck, Hautleitfähigkeit, Atem- und Herzfrequenz, Körpertemperatur oder Muskelspannung zu erkennen. Sichtbar gemacht werden sie an einem Computer. Dazu bekommt der Betroffene an bestimmten Körperstellen Elektroden aufgeklebt. Die aufgefangenen Signale laufen über Kabel in einen Rechner. Auf dem Monitor werden sie in Kurven, Wellen oder Bildern und Tönen dargestellt. Auf diese Weise können auch Hirnströme gezeigt werden. In einer neueren Variante, die in den USA erprobt wird, sehen Patienten mit Hilfe der Magnetresonanz-Tomographie die Aktivitäten in dem Bereich ihres Gehirns, der die Intensität von Schmerzen und deren emotionale Auswirkungen koordiniert, abgebildet als lodernde Flamme. Wenn anschließend z. B. die Hand absichtlich einem Schmerz ausgesetzt wird, müssen sie versuchen, mit ihrer Willenskraft das Auflodern der Flamme zu bremsen. Bereits nach drei Sitzungen, die jeweils eine Viertelstunde dauern, können die meisten ihre Gehirnaktivität variieren - der erste Schritt zur Selbstkontrolle des Schmerzempfindens. IN anderen, schon länger erprobten Verfahren, lernen z. B. Migräne- oder Angstpatienten ihre Blutgefäße zu erweitern und zu verengen indem sie, gedankengesteuert, einen Farbbalken auf dem Bildschirm in die Länge ziehen bzw. zusammenquetschen. "Sobald jemand die Gedanken kennt, mit denen er bestimmte Vorgänge in einer gewünschten Weise manipulieren kann", so Prof. Winfried Rief, "kann er das auch zu Hause durchführen." Computerbildchen und Piep-Töne sind dann nicht mehr nötig.
Altes Wissen neu entdeckt
Die verblüffende Wirkung der Vorstellungskraft auf den Körper wird in anderen Bereichen schon seit Jahren genutzt. So setzen Sportler ihre Vorstellungen in Form von mentalem Training zur Leistungssteigerung ein. Sie stellen sich die Bewegungsabläufe genau vor, während der Körper völlig ruhig bleibt. Gleichzeitig erhöhen sich Pulsschlag, Atemfrequenz und Muskelkontraktion.
Während sich die Wissenschaft erst in jüngster Zeit verstärkt dem Thema Biofeedback widmet, sind dessen Phänomene schon länger überliefert. So zeigte etwa der Russe Ivan Tarchanow 1885 einem erstaunten Publikum, dass es möglich ist, auf Kommando die Herzfrequenz um das Doppelte zu steigern. Derartige Befähigungen sind auch von asiatischen Mönchen bekannt, die in der Meditation Zustände höchster Konzentration und Wachsamkeit erreichen. Nach und nach finden diese uralten Methoden Eingang in unsere westliche Zivilisation.
Erfolge nachweisbar
Im Bereich der MS haben schon etliche Studien gezeigt, dass Biofeedback zu Verbesserungen führen kann und zwar in Bezug auf die Symptome, die Krankheitsverarbeitung und das allgemeine psychische Befinden. Selbst bei Teilnehmern, die keine sprunghafte Veränderung zeigten, blieben zumindest die Effekte nach einer Reha-Behandlung deutlich länger und besser erhalten. Biofeedback wirkt gegen eine ganze Reihe von Störungen und Symptomen, auch Schlafstörungen, Stress und Tinnitus. Eine hohe Erfolgsquote wird übrigens bei der Therapie von Blasenfunktionsstörungen erzielt.
Rätselhaft ist allerdings immer noch, wie Biofeedback funktioniert. Ob die Kraft der Gedanken irgendwelche Nervenbahnen aktiviert oder ob rein mentale Vorgänge am Werk sind, muss erst noch erforscht werden. Dem Betroffenen dürfte dies zumindest insofern egal sein, als er Fortschritte sieht und weiß, dass er nicht mehr nur hilflos seinen Problemen gegenübersteht. Alles was er versuchen muss ist, seinen geschwächten Körper mit der geballten Energie seiner Geisteskraft zu stärken.
Deutsche Gesellschaft für Biofeedback

Biofeedback: Yoga des Westens, Esotera 10/97, Dagny Kerner und Imre Kerner

Teil 1
Leroy Parker, 25 Jahre alt, Strafgefangener im Ellsworth-Gefängnis des US-Bundesstaats Kansas,
hat eine typische Ghetto-Kid-Karriere hinter sich: aufgewachsen mit vier Geschwistern bei seiner
alleinerziehenden schwarzen Mutter, erster Kontakt mit Drogen, als er 11 Jahre alt war, Straßendealer
mit 12, Erfahrungen mit Marihuana, Heroin, Crack, diversen synthetischen Drogen, zusätzlich
Alkoholmißbrauch - ganz genau weiß er es selbst nicht mehr, wie die Reihenfolge war. Mit 18 wurde
es das erste Mal beim Autodiebstahl erwischt und verurteilt, ab dann pendelte er zwischen den
Gefängnis und einer "Freiheit" hin und her, die für ihn aus Drogen, Schlägereien, Raubüberfällen
und Diebstahl bestand. Leroy Parker wird voraussichtlich in wenigen Wochen auf Bewährung aus dem
Gefängnis entlassen werden.
Er sitzt in einem überdimensionalen, weich gepolsterten Sessel und ist "verkabelt", an Apparate
angeschlossen, die das Muster seiner Gehirnwellen eine Sitzung von 45 Minuten lang aufzeichnen.
Es ist der zehnte Tag seines Gehirnwellentrainings. Er hat gelernt, sich zu entspannen, und versucht,
mit Hilfe von Meditationsübungen in tiefere Bewußtseinszustände hineinzugelangen, um neue Erfahrungen mit
sich selbst zu machen.
Leroy Parker ist einer von 100 durch das Zufallsprinzip ausgewählten Ellsworth-Strafgefangenen, die
als Teil des Rehabilitationsprogrammes neben konventioneller Drogentherapie und einem psychologisch
orientierten Trainingsprogramm ein siebenwöchiges Alpha/Theta-Gehirnwellentraining mitmachen.
Leise surren Apparate und Computer im "Life Sciences Institute of Mind-Body Health", das vier
ehemalige Wissenschaftler der weltberühmten Menninger-Klinik gegründet haben. Das staatlich
geförderte Strafgefangenen-Training ist einer ihrer Schwerpunkte. Dr. Patricia Norris, Dipl.-Psych.
mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Gefangenen: "Das Gehirnwellen-Training ist eine Variante
der Biofeedback-Methode, bei der es in diesem Fall gilt, den Teufelskreis von Sucht und Kriminalität
zu durchbrechen. Die Gefangenen lernen, daß sie es sind, die ihren Körper und später auch ihr Leben
kontrollieren. Wer durch Übungen gelernt hat, seine Muskeln zu entspannen, Streß zu reduzieren
und willentlich veränderte Bewußtseinszustände über die Übungen des Gehirnwellen-Trainings zu erreichen,
der hat wichtige Schritte gemacht, seine Drogenabhängigkeit in den Griff zu bekommen. Der Impuls,
wieder Drogen zu konsumieren, wird schwächer und dadurch beherrschbar, die Gefangenen können mehr
und mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen" Die Chancen für Leroy, nicht mehr rückfällig zu
werden, beurteilt sie optimistisch.
Wie beinahe alle Suchtkranken, egal ob die Droge Alkohol oder Kokain heißt, hatte er anfangs keinen
Zugang zu seinem eigenen "Selbst", er wußte nicht einmal, daß es eine Persönlichkeit in ihm gab,
jenseits der schnellen Kicks. Eine Persönlichkeit, die Spaß haben konnte, Lebensfreude, Erfolg,
Selbstkontrolle, inneren Frieden. Sein Leben war nach einem scheinbar unkontrollierbarem und mit
Gewalt verbundenen Programm "von außen" abgelaufen: Drogen beschaffen - Drogen verkaufen - Drogen konsumieren -
Gewalt und Kriminalität.
Alkoholabhängige und Drogensüchtige haben - unabhängig davon, ob sie straffällig werden oder weiter
einem normalen Job nachgehen - gemeinsame typische Kennzeichen in ihren durch das EEG aufgezeigten
Gehirnwellenmustern, stellten die amerikanischen Gehirnforscher fest: Im Wachzustand produzieren sie
fast ausschließlich Beta-Gehirnwellen. Alpha- und Theta-Wellen, Anzeichen für tiefere Zustände des
Bewußtseins, fehlen weitgehend.
Mit den griechischen Buchstaben bezeichnen Wissenschaftler seit den Anfängen der Gehirnwellenforschung
in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts vier verschiedene Gebiete auf ihren Diagrammen, wo die
Meßwerte in gezackten Linien dargestellt werden. Gemessen werden die Veränderungen der elektrischen Ströme
im Gehirn, die im Zusammenspiel mit den biologischen Prozessen ablaufen. Die Höhe der spitzen Zacken, in der
Fachsprache "Peaks" genannt, ist ein Maß für die Intensität der Wellen, die sich zudem in der Frequenz
(in Hertz gemessen) unterscheiden. Diese Messung, ein Kontrollinstrument für die Gehirntätigkeit, wurde
Elektroenzephalogramm, abgekürzt EEG, genannt.
Wenn das Bewußtsein hellwach und auf ein Gespräch, das Lesen eines Buches oder andere Aufgaben, wie etwa
das Einparken eines Autos, konzentriert ist, dominieren bei gesunden Menschen die Beta-Gehirnwellen
(14 bis 32 Hertz). Der Alpha-Zustand (8 bis 13 Hertz) tritt in der Regel ein, wenn wir unsere Augen
schließen und abzuschalten beginnen. Die Gehirnforscher schätzen, daß 90 Prozent der Bevölkerung Hunderte
von Malen täglich für sehr kurze Zeiten vermehrt Alpha-Rhythmen produzieren, wenn sie für ein, zwei
Sekunden die Augen schließen oder ihre Aufmerksamkeit auf ein inneres Bild richten. Oder bei einem
Tagtraum, bei dem die Augen durchaus geöffnet sein können. Wenn während eines Vortrags die Augen der
Zuhörer "starr" werden und ins Unendliche gerichtet sind, kann der Redner davon ausgehen, daß die Zuhörer
zwar seine Stimme noch wahrnehmen, aber nicht mehr mitbekommen, was gesagt wird. Sie sind im Alpha-Zustand.
Auch bei meditativen Zuständen dominieren häufig Alpha-Wellen.
Noch weiter von der Außenwelt entfernt, z. B. in einer tiefen Meditation, sind Menschen im Theta-Zustand,
wo die Wellen zwischen 4 und 7 Hertz besonders ausgeprägt sind. Körper, Emotionen, Seele und Verstand sind ruhig,
die meisten Menschen bezeichnen diesen Zustand als "schläfrig". Ungeübte Meditierende schlafen in diesem Zustand
in der Tat ein, weil sie ihr Bewußtsein nicht mehr wachhalten können. Wer die Erfahrung der Tiefenmeditation
nicht kennt, erfährt den Theta-Zustand vielleicht kurz vor dem Einschlafen, wenn aus unbekannten und
unbewußten Quellen überraschende Bilder auftauchen, die im Gegensatz zum Tagtraum nicht über das Bewußtsein
zu steuern sind. Der Theta-Zustand ist die Öffnung zum Unbewußten und gleichzeitig die Tür zur Kreativität.
Wo die Delta-Gehirnwellen (0,5 bis 3 Hertz) signifikant auftreten, wird im allgemeinen angenommen,
daß der Mensch schläft oder wortwörtlich "bewußt-los" ist, was aber hier nicht identisch mit einer
Ohnmacht ist. Delta-Wellen werden in der Hauptsache im Schlaf gemessen. In den letzten Jahrzehnten
hat sich auch eine benachbarte Disziplin der Gehirnforschung stürmisch entwickelt, die sich unter
anderem mit der Entstehung von Hormonen und den sogenannten Neuropeptiden beschäftigt. Beide entstehen
in außerordentlich geringen Mengen im Gehirn und übernehmen, durch die Blutbahnen verteilt, vielfältige
steuernde Funktionen im Körper. Das reicht vom Abstellen von Schmerzempfindung durch die sogenannten
körpereigenen Opiate bis zur Auslösung des natürlichen Extasezustandes, des Orgasmusgefühls.
Die Befehle, die diese Stoffe "übertragen", sind ein wesentlicher Teil des Stoffwechsel-Managements
im Körper und spielen deshalb eine überaus wichtige Rolle, auch für die körpereigene Abwehr, das
Immunsystem. Die Selbstheilung des Körpers hängt so entscheidend ab vom Gehirn, mit seinen 100
bis 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen von Schaltstellen und Synapsen das komplizierteste Organ
im gesamten Reich der Lebewesen.
Bei der Entstehung der Hormone und anderer "Botenstoffe" ablaufende biochemische Prozesse im
Gehirn sind aber weder von der Aktivierung der Region, wo sie entstehen, noch von den
Veränderungen der Gehirnwellentätigkeit in diesen Regionen zu trennen. Anders ausgedrückt: Durch die
willentliche Veränderung der Gehirnwellen ist die Aktivierung der körpereigenen Apotheke möglich,
die auch das Verlangen des Körpers nach Drogen mindert und das Suchtverhalten verändern kann. Leroy
Parker und die anderen Suchtkranken lernen, daß sie über die Kontrolle ihrer Gehirnwellen Entspannung,
Freude, Frieden in sich selbst finden können, ohne Alkohol und Kokain. Über den Kopfhörer empfangen
sie ein sogenanntes "Feedback", eine Rückmeldung - in diesem Fall einen hellen Brummton, wenn sie bei
der Meditation in den Alpha-Zustand gehen, einen tieferen Ton, wenn sie den noch tieferen Theta-Zustand
erreichen. Je kontinuierlicher die beiden Töne erklingen, desto dauerhafter haben sie die gewünschten
Bewußtseinszustände erreicht.

Nach dem siebenwöchigen, beinahe täglichem Training sollten sie die Apparate nicht mehr brauchen, sie
werden gelernt haben, auch ohne maschinelles Feedback die verschiedenen Zustände ihres Bewußtseins,
ihres Selbst, willentlich aufzusuchen und zu steuern. Sie haben dann eine bessere Chance denn je,
in Zukunft ihr Leben ohne Drogen und Kriminalität zu meistern: Hatten die suchtkranken Strafgefangenen
anfangs praktisch ausschließlich Beta-Wellen produziert, waren die Wissenschafter mit wenigen Wochen
des Alpha/Theta-Gehirnwellen-Trainings in der Lage, ihnen beizubringen, willentlich Alpha- und Theta-
Bewußtseinszustände zu erreichen.
Dabei hatte sich wortwörtlich etwas im Kopf ihrer Klienten verändert. Das ergaben die ersten Studien
aus den Jahren 1994 bis 1996: Erstaunlich wenige wurden mit Drogen rückfällig, und auch
Einstellung und Verhalten ihren Familien und der Gesellschaft gegenüber hatten sich verbessert.
Obwohl die staatlichen Behörden strenge Maßstäbe an den Erfolg stellten. Als erfolgreich therapiert
galten nur diejenigen Personen, die "clean" blieben - dies wurde durch Urin- und Blutproben regelmäßig
untersucht - und sich zusätzlich in keiner Weise etwas zuschulden kommen ließen. Kündigungen im Job
oder Strafmandate wegen zu schnellen Autofahrens während der Bewährung wurden bereits als Vergehen
eingestuft, was in die Statistik des Resozialisierungs-Programms als Scheitern einging.
Die 68prozentige Erfolgsquote des neuen Programms war eine Sensation. Es zeigte sich, daß die kombinierte
Drogentherapie mit Gehirnwelleln-Training dreimal so erfolgreich war wie die konventionelle Therapie allein,
die eine aus 80 Gefangenen bestehende Kontrollgruppe durchlief. Das gezielte Alpha/Theta-Gehirnwellen-Training
ist aber beileibe nicht nur für Alkoholabhängige und Drogenkranke - auch hierzulande - eine Chance für
ein "zweites Leben". Wer gesund ist, kann über den Alpha- und Thetazustand einen schnelleren Zugang zu
seinem eigenen kreativen Potential finden. Oder Millionen deutscher Schmerzpatienten, vor allem mit
chronischen Beschwerden - eine der typischen Krankheitsformen unserer Zeit - haben die Möglichkeit,
über das Gehirnwelleln-Training mit Feedback ihre Schmerzen "in den Griff" zu bekommen oder gar ganz
abzustellen. Denn wer gelernt hat, über den Bewußtseinszustand seine Gehirnwellen und damit die
Gehirnchemie zu kontrollieren, kann das Schmerzempfinden im eigenen Körper "steuern".
Dr. Patricia Norris war bereits an der renommierten Menninger-Klinik mit dabei, als ihr Vater Elmer Green
die ersten bahnbrechenden Untersuchungen dazu mit dem prominenten amerikanischem Heiler Jack Schwartz
durchführte. Wie viele Heiler verfügte auch der über eine Reihe von Möglichkeiten, "außergewöhnliche Kräfte
und Fähigkeiten" einem staunendem Publikum zu demonstieren. Eine seiner Vorführungen, mehrfach auch vor
Ärzten und Wissenschaftlern, bestand darin, mit einer 15 Zentimeter langen Nadel durch den Bizeps seines
Oberarmes zu stechen (Foto im Artikel). Als er gerade im Labor verkabelt worden war, damit - neben
anderen Parametern - seine Gehirnwellentätigkeit dabei gemessen würde, fiel eine der Nadeln versehentlich
auf den Boden. Auf die Frage der Wissenschaftler, ob die Nadel jetzt sterilisiert werden solle,
antwortete Jack Schwartz zu ihrer Verblüffung: "Nein, nein, ich sterilisiere meine Nadeln oft, indem
ich sie einfach unter meinen Schuhsohlen ein paarmal hin- und herrolle...". Während dieser Unterhaltung
und der gesamten Vorbereitungszeit produzierte er Beta-Gehirnwellen, so wie man es von jedem Menschen in
dieser Situation erwarten würde. In dem Moment aber, als er die Nadelspitze an seinem Bizeps ansetzte,
wurde im Gehirnwellendiagramm das Einsetzen von Alpha-Wellen sichtbar. Als die Nadel den Oberarmb durchstochen
hatte, bestanden 60 (!) Prozent der gesamten Hirnwellentätigkeit aus Alpha.
Für die beteiligten Wissenschaftler machte es sofort Sinn, zur Kontrolle und Steuerung von Schmerz in den
Alpha-Zustand zu gehen, weg von Schmerz und Verletzung, nach innen in einen meditativen Bewußtseinszustand.
Ein späterer Vergleich mit einem peruanischen Heiler zeigte, daß dieser sich exakt derselben Methode bediente.
Wenn Ramon Torres sich zu Demonstrationszwecken eine Fahrradspeiche durch die Wange stieß, traten fast
ausschließlich Alpha-Gehirnwellen auf. Beta-Wellen erschienen erst wieder in relevanten Mengen, nachdem er die
Speiche ganz herausgezogen hatte. So war es bei Jack Schwartz, so wurde es bei indischen Yoga-Meistern in anderen
Labors gemessen, die nicht aus dem Alpha-Zustand während einer Meditation herausgingen, auch dann nicht,
wenn glühendheiße Gegenstände auf ihren Körper gelegt wurden. Die "heiligen Männer" aus Indien waren so weit
von dieser Welt entrückt, daß sie die Hitze gar nicht wahrgenommen hatten. Jack Schwartz ging aber noch weiter:
Er war in der Lage zu steuern, ob die Wunde an seinem Oberarm bluten sollte oder nicht. (Hier möchte ich
anmerken, daß das auch möglich ist, wenn Patienten unter Operationen suggeriert wird, daß sie nun den
Blutfluß stoppen mögen.) Und vor allem:
Er konnte seine Verletzungen zur Überraschung der Ärzte, die die Experimente begleiteten, innerhalb von
72 Stunden komplett zuheilen lassen, ohne daß je eine Narbe zurückblieb. Trotz seiner eigenwilligen
"Desinfektionsmethode" per Schuhsohle haben sich seine Stichwunden auch nie entzündet.
Die Kontrolle von Schmerzen ist über die Kontrolle des Bewußtseins möglich. Bei Krankheiten haben Schmerzen
natürlich eine nützliche Funktion als Signal des Körpers, der mitteilt, daß etwas nicht in Ordnung ist.
"Wenn der Alarmruf des Körpers", so Jack Schwartz, "bei Krankheiten oder Verletzungen in Form von Schmerzen
Bescheid gesagt hat, dann ist das für mich wie ein Wecker, den ich abstellen kann. Zuerst müssen die
Schmerzen abgestellt werden, denn solange sie da sind, kann man keinen klaren Gedanken fassen, was zu tun
ist, um gesund zu werden." Indische Yogis, die noch nie etwas von Gehirnwellen oder Alpha- und Theta-
Zuständen gehört hatten, demonstrierten wieder und wieder ihre Fähigkeit, in genau diese Zustände hineinzugehen,
wenn sie außerordentliche Leistungen körperlicher Selbstkontrolle zeigten.
Ob Yogis, Schamanen oder Heiler - ihre diesbezüglichen Praktiken wurden in der Regel über Jahrhunderte
hinweg nach und nach entwickelt, um eben in andere Bewußtseinszustände zu kommen, die ihnen eine Palette
von Möglichkeiten eröffnen. Das geht von Körperbeherrschung, die Wissenschaftlern und Medizinern
ausgeschlossen erscheint, bis zu Trancezuständen, in denen sie Heilungen vollbringen. Indische Yogis haben
häufig für westliche Forscher völlig fremdartige Beschreibungen für die Zustände, die sie mit Hilfe ihrer aus
dem Sanskrit überlieferten Yogaübungen erreichen. Eine der Testpersonen, Swami Rama, beschrieb es als
"im Inneren ein großes Objekt visualisieren, einen blauen Himmel mit kleinen weißen Wolken, die gelegentlich
vorbeitreiben" - und produzierte fünfzehn Minuten lang überwiegend Alphawellen während dieser Meditation.
Als die Wissenschaftler mit ihren Meßgeräten bei einer anderen Meditationsform überwiegend Theta-Gehirnwellen
feststellten, lautete die Sanskrit-Erklärung des Yogis: "Das Bewußtsein zum Schweigen und das Unbewußte
nach vorn bringen." Damit konnten die westlichen Forscher viel mehr anfangen, weil sie bereits aus anderen
Untersuchungen wußten, daß im Theta-Zustand die Tür zum Unbewußten offensteht.
In Indien fanden sie auch, unterwegs auf Vortragsreisen mit dem transportablen Biofeedbackgerät, einen Physiker,
der sie nach ihrem Vortrag an einer Universität ansprach und meinte, er habe ihre Schilderung über Selbstkontrolle
und Bewußtseinszustände verstanden und sei interessiert daran, sich als Testperson zur Verfügung zu stellen.
Zur Überraschung der Forscher stellte sich bei der Messung seiner Gehirnwellen heraus, daß er in der Lage war,
willentlich von einer Minute auf die andere vom Beta- in den Alpha-Zustand zu gehen, dann in den Theta-Zustand
und wieder zurück in Alpha. Was immer sie ihm vorschlugen - nachdem er einmal verstanden hatte, welcher
Bewußtseinszustand mit Alpha und Theta gemeint war, konnte er beliebig zwischen ihnen hin- und herwechseln,
Alpha- oder Theta- oder Betawellen produzieren.
Als Erklärung führte der Mann an, er habe in seiner Jugend einen Guru kennengelernt, der ihn in die Kunst
des Meditierens eingeführt und ihn gelehrt habe, "nach innen zu gehen, in den Ort der Stille, wo der Geist
zuhause ist und wo die Fragen beantwortet werden können". Seitdem habe er sein Leben lang verschiedene
Meditationen täglich praktiziert, und gerade der Zustand, der mit Theta bezeichnet werde, sei ihm besonders
wichtig. In diesem Zustand, in dem er Zugang zum Unbewußtem habe, sei er in der Lage, auch die kompliziertesten
mathematischen Probleme zu lösen. Für seine Dissertation in Physik habe er die Bildersprache
dieses Bewußtseinszustandes systematisch für Problemlösungen angewandt. Auch heutzutage in seinem Beruf,
wenn er schwierige Fragen beantworten müsse, begebe er sich in genau diesen Zustand und fände die Antworten
durch Analyse der auftauchenden Bilder. Die Testperson, so stellte sich heraus, war Dr. Rama Sharma, Leiter
des Biophysikalischen Instituts an der Universität Chandigarh.

Interessanterweise liegen ähnliche Schilderungen von einer Art "Bildersprache in außergewöhnlichen
Bewußtseinzuständen" aus der wissenschaftlichen Literatur vor. Berühmt ist der Fall des deutschen
Chemikers August Kekulé, des Begründers der organischen Chemie. Er war gerade als Professor an
die Universität Bonn berufen worden, als er an dem Problem der chemischen Formel des Benzols arbeitete,
tagelang, nächtelang. Er war nicht in der Lage, eine Formel zu Papier zu bringen, die alle Kriterien
erfüllte, die er aufgrund seiner Untersuchungen ermittelt hatte. Die zündende Idee, die ihn weltberühmt
machen sollte - daß beim Benzol die sechs Kohlenstoffatome mit je einem Wasserstoffatom verbunden sind
und einen Ring bilden -, kam ihm als Vision in einem ungewöhnlichen Zsutand des "Wachtraums": "Ich drehte
meinen Stuhl zum Feuer hin und schloß die Augen. Wieder fingen die Atome an, vor meinen Augen zu tanzen.
Diesmal blieben die kleineren Gruppen bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, bereits geschärft
durch wiederholte Visionen dieser Art, konnte jetzt größere Strukturen unterscheiden, in verschiedener
Anordnung; in langen Reihen, manchmal näher zueinander, alle sich drehend in einer Art Schlangenbewegung.
Aber siehe da! Was war das? Eine der Schlangen hatte den eigenen Schwanz erfaßt, und dieser Ring tanzte
immer wieder spielerisch vor meinen Augen. In dem Moment kam ich aus meinem Traumzustand heraus, wie von
einem Blitz getroffen." Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb die bahnbrechende Formel
des Benzolrings auf. Wissenschaftlerkollegen gab Kekulé mit auf den Weg: "Lassen Sie uns lernen zu träumen,
meine Herren...".
Auch bei den Heilern, das ergab eine Untersuchungsreihe an der Menninger-Klinik, wurde während der
Behandlung von Patienten ein hoher Anteil von Theta-Wellen gemessen. Daneben fanden die Wissenschaftler
bei den 14 untersuchten eine überraschende Gemeinsamkeit, die sie ausschließlich bei Heilern feststellten:
Beim Handauflegen wurde bei sämtlichen ein außergewöhnlich hoher Anteil von Delta-Gehirnwellen festgestellt.
Bei keiner Person aus der Kontrollgruppe wurde dieses "Heiler-Phänomen" jemals im EEG gesehen. Im EEG
eines gesunden Erwachsenen treten Delta-Wellen in relevanten Mengen praktisch nur im Schlaf auf.
Die Heiler waren aber bei der Arbeit mit Patienten völlig wach und konzentriert, obwohl sie aufgrund des
Delta-Wellen-Anteils eigentlich schlafen müßten. Aus dieser überraschenden Tatsache schließt Dr. Steven Fahrion,
der nach Jahren an der Menninger-Klinik heute zusammen mit seiner Frau Patricia das "Life Sciences Institute"
leitet, daß "Heiler im Wachzustand mehr als andere Personen in Kontakt mit ihrem tiefsten Unterbewußten sind,
mit dem Teil ihrer Natur, von dem der Normalbürger wenig bis gar nichts weiß und womit er, wenn überhaupt,
nur im Schlaf und Traum in Berührung kommt". Dr. Fahrion war auch einer der ersten, die den Verlauf
der Gehirnwellen-Veränderung während der Behandlung gleichzeitig bei einem Heiler und seinem Patienten
analysierte. Das Ergebnis: Zuerst traten vermehrt Alpha- und Delta-Wellen beim Heiler auf, dann
beim Patienten, so als ob er das Gehirnwellenmuster des Heilers übernommen hätte. Beide waren buchstäblich
"auf derselben Wellenlänge". Japanische Wissenschaftlicher bestätigten vor kurzem dieses Ergebnis und
konnten zeigen, daß nicht nur eine Synchronisation der Gehirnwellen Heiler/Patient eintritt, sondern
darüber hinaus im Verlauf der Behandlung bei beiden auch dieselben Gehirnregionen aktiviert werden. Die beiden
Gehirne hatten sich einander angeglichen, wobei der Heiler jeweils sowohl die Veränderungen der Gehirnwellen
als auch die dazugehörigen Gehirnregionen quasi vorgegeben hatte.
In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß die meisten Heiler betonen, während einer Behandlung nicht
nur zu "spüren", was dem Patienten fehlt, sondern auch genau zu "wissen", wie er sich jeweils fühlt.
Der Gedanke drängt sich auf, daß die Veränderung bzw. die spezielle Zusammensetzung der Gehirnwellen
eine Schlüsselrolle beim Heilen haben. Die Forschungsergebnisse der vielen Spezialisten, die aus
verschiedenen Motiven heraus die Bedeutung der Gehirnwellen, deren Zusammensetzung und die jeweiligen
Gehirnregionen untersuchten, ergeben zusammengefaßt schon heute: Heiler zeigen ein spezielles Muster der
Gehirnwellen, wenn sie heilen. Dieses Muster zeigen andere Personen auch dann nicht, wenn sie meditieren.
Der Heiler ist anscheinend in der Lage, bei seinen Patienten dasselbe Gehirnwellenmuster in denselben
Gehirnregionen entstehen zu lassen. Für die Patienten hat das unter anderem zur Folge, daß sie sich
"schläfrig" fühlen und tatsächlich oft bei einer Behandlung für einige Minuten einschlafen. Die Gehirnwellen
spielen also beim Heilen eine wichtige, vielleicht entscheidende, bestimmt aber objektiv meßbare Rolle.
Machen wir uns an dieser Stelle noch einmal bewußt, daß Gehirnaktivität und Biochemie des Gehirns
zusammenhängen und durch die Ausschüttung von Hormonen, Neuropeptiden und anderen Botenstoffen beim
Heilungsprozeß des Körpers eine eminent wichtige Rolle spielen. So können wir am Ende der neunziger Jahre
unseres Jahrhunderts gerade erst erahnen, welch eine Schatzkiste für die willentliche Aktivierung unserer
"körpereigenen Apotheke" uns mit dem Alpha/Theta-Gehirnwellentraining, dieser Variante des Biofeedbacks,
zur Verfügung steht. Wie Elmer Green, der Begründer der Methode, es selbst formulierte: "Biofeedback ist
das "Yoga des Westens"."
Teil 2: Wie ein Kind mit Biofeedback den Krebs besiegt.
Homepage Dr. Imre Kerner, Buchautor und Leiter der ISSTE, Imre Kerner Int. School of Therapeutic Touch and Energy
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