"Nur für Heute"

Ich habe die Wahl!
1. Nur für heute will ich versuchen, diesen einen Tag zu leben - nicht mein ganzes Lebensproblem
auf einmal anzupacken. Ich kann jetzt etwas tun, vor dem ich zurückschrecken würde, wenn ich das Gefühl
hätte, ich müßte es mein ganzes Leben lang durchhalten.
2. Nur für heute will ich versuchen, glücklich zu sein, indem ich mir klarmache, daß mein Glück
nicht davon abhängt, was andere tun oder sagen oder was um mich herum geschieht. Glück stellt sich ein,
wenn ich mit mir in Frieden lebe.
3. Nur für heute will ich versuchen, mich auf das auszurichten, was ist - nicht erzwingen,
daß sich alles nach meinen Wünschen richtet. Ich will meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit und meine
Lebensumstände so annehmen, wie sie kommen.
4. Nur für heute will ich auf meine körperliche Gesundheit achten, ich will meine Verstandeskräfte
üben, ich will etwas Spirituelles lesen.
5. Nur für heute will ich jemandem etwas Gutes tun, ohne dabei entdeckt zu werden - wenn jemand
davon erfährt, zählt es nicht. Ich werde mindestens eine Sache tun, die ich nicht gerne tue, und ich will
meinem Nächsten einen kleinen Liebesdienst erweisen.
6. Nur für heute will ich mich bemühen, zu jemandem, den ich treffe, freundlich zu sein. Ich will
liebenswürdig sein, ich will so gut aussehen, wie ich kann, mich kleidsam anziehen, leise sprechen und
mich höflich benehmen. Ich will kein bißchen kritisieren, an keiner Sache etwas aussetzen, nicht versuchen,
jemanden außer mir selbst zu verändern und niemandem Vorschriften zu machen.
7. Nur für heute will ich mir ein Programm machen. Ich will es machen, auch wenn ich es vielleicht
nicht ganz genau befolge. Vor zwei Plagen will ich mich retten: Hast und Unentschlossenheit.
8. Nur für heute will ich aufhören zu sagen: "Wenn ich Zeit hätte." Ich werde nie für etwas
"Zeit finden"; wenn ich Zeit haben will, muß ich sie mir nehmen.
9. Nur für heute will ich in Stille meditieren - mich dabei auf Gott, wie ich ihn verstehe,
auf mich selbst und auf meinen Nächsten besinnen. Ich will mich entspannen und nach Wahrheit suchen.
10. Nur für heute will ich keine Angst haben. Insbesondere werde ich mich nicht davor fürchten,
glücklich zu sein - und mich an den guten, schönen und liebenswerten Dingen im Leben erfreuen.
11. Nur für heute will ich mich annehmen und nach meinen besten Kräften leben.
12. Nur für heute entschließe ich mich, zu glauben, daß ich damit einen Tag leben kann.
Die Wahl habe ich!
"Autobiographie in fünf Kapiteln" aus: Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben von Sogyal Rinpoche
"Leben": Wie schwierig kann es aber sein, das Gewahrsein nach innen zu richten! Wie leicht lassen wir uns doch von alten Gewohnheiten und eingefahrenen Verhaltensmustern beherrschen! Obwohl sie uns, wie es in Nyoshui Khenpos Gedicht anklingt, nichts als Leiden bringen, akzeptieren wir sie mit beinahe fatalistischer Resignation, weil wir so sehr daran gewöhnt sind, ihnen nachzugeben. Wir idealisieren die Freiheit, aber unseren Gewohnheiten sind wir sklavisch ergeben. Dennoch kann uns Reflexion langsam zur Weisheit bringen. Wir können lernen zu erkennen, wie wir immer wieder in feste, sich wiederholende Verhaltensmuster verfallen, und wir können beginnen, uns nach einem Ausweg zu sehnen. Natürlich kann es passieren, daß wir wieder und wieder in unsere Gewohnheiten zurückfallen, aber wir können uns auch langsam von ihnen lösen und uns ändern. Das folgende Gedicht geht uns alle an. Sein Titel lautet "Autobiographie in fünf Kapiteln":
1.
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren ... Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.
2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.
3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein ... aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.
4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.
5.
Ich gehe eine andere Straße.